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18
Apr

Die große amerikanische Blasenmaschine

von Matt Taibbi (vom 8.August 2009 aus dem Blatt “Rolling Stone”) deutsche Übersetzung

Das allererste, was man über Goldman Sachs wissen muss, ist, dass sie überall sind. Die mächtigste Investment Bank der Welt ist eine große Vampir-Krake, die sich über das Antlitz der Menschheit gestülpt hat und ihren Saugmund unablässig überall dorthin steckt, wo es nach Geld riecht.

Tatsächlich liest sich die Geschichte der jüngsten Finanzkrise, die sich zu einer Geschichte des raschen Niedergangs eines plötzlich durch Betrug ruinierten amerikanischen Imperiums entwickelt hat, wie das Who is Who von Goldman Sachs-Absolventen.

Mittlerweile kennen die meisten von uns die Hauptakteure. Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende von Goldman Sachs, Henry Paulson war der Architekt der Rettungsaktionen auf dem Finanzsektor, eines verdächtig nach Eigennutz aussehenden Plans, Billionen von Dollars aus Steuermitteln an eine Handvoll seiner alten Freunde von der Wallstreet auszuhändigen. Robert Rubin, der frühere Finanzminister unter Bill Clinton verbrachte 26 Jahre bei Goldman, bevor er Vorsitzender der Citigroup wurde – die bei dem Geldregen unter Paulson 300 Milliarden Dollar vom Steuerzahler finanzierte Rettungsgelder bekamen.

Da ist John Thain, der Chef von Merrill Lynch, der einen Teppich für 87.000 Dollar für sein Büro kaufte, während seine Firma den Bach runterging. Als früherer Goldman-Bankier konnte sich Thain über eine milliardenschweres Steuergeschenk von Paulson freuen, der vom Steuerzahler finanzierte Milliarden gab, um der Bank of Amerika zu helfen, Thains bemitleidenswerte Firma zu retten. Und Robert Steel, früherer Goldman-Mitarbeiter und Chef von Wachovia versorgte sich und seine Mit-Manager mit einem goldenen Fallschirm von 225 Millionen Dollar, während seine Bank sich selbst zerstörte. Dann ist da Joshua Bolten, Stabschef von George Bush während der Rettungsaktion, und Mark Patterson, der gegenwärtige Stabschef im Finanzministerium der noch vor einem Jahr als Lobbyist für Goldman Sachs tätig war, sowie Ed Liddy, der frühere Direktor von Goldman, den Paulson zum Verantwortlichen für den mit Subventionen geretteten Versicherungsgiganten AIG machte. 13 Milliarden Dollar landeten in den Kassen von Goldman Sachs, nachdem Liddy den Job übernommen hatte.

Die Chefs der kanadischen und italienischen Nationalbanken sind ehemalige Goldman-Sachs-Leute, ebenso der Chef der Börse in New York, die letzten beiden Chefs der Federal Reserve Bank von New York – die zufällig die Aufgabe hat, die Aufsicht über Goldman-Sachs zu führen, gar nicht zu reden von …

Aber jeder Versuch, ein Narrativ um all die früheren Goldman-Mitarbeiter in einflußreichen Positionen zu konstruieren, wird zu einer absurden und sinnlosen Übung, so wie der Versuch, eine Liste von allem zu machen. Es geht darum, das große Ganze zu begreifen: Wenn Amerika im Abfluß kreist, so kann man sagen, daß Goldman-Sachs es geschafft hat, dieser Abfluß zu sein – ein äußerst unseliges Schlupfloch im System des westlichen demokratischen Kapitalismus, der niemals vorhergesehen hatte, daß in einer Gesellschaft, die passiv von freien Märkten und freien Wahlen gelenkt wird, die organisierte Gier letztlich eine unorganisierte Demokratie besiegen und beseitigen wird.

Einfache Formel

Die nie dagewesene Reichweite von Einfluß und Macht dieser Bank haben sie dazu befähigt, ganz Amerika in einen gigantischen Sumpf von Betrug und Selbstbedienung zu verwandeln, ganze Bereiche der Wirtschaft über Jahre hinweg zu manipulieren und das Würfelspiel an neue Tische zu bringen, sobald der eine oder andere Markt zusammenbrach, und sich die ganze Zeit an den Kosten in nie dagewesener Höhe vollzufressen, unter denen Familien überall zusammenbrechen: hohe Benzinpreise, steigende Zinsen für Konsumenten-Kredite, geplünderte Pensionsfonds, künftige Steuern, um die Kosten für die gegenwärtigen Rettungsaktionen abzuzahlen.

All das Geld, daß Sie (die amerikanischen Leser des Artikels von Taibbi, aber auch die Anleger und Verbraucher in Ländern rings um den Globus, A.d.Ü.) verlieren, geht irgendwo hin, sowohl im Wort- wie auch im übertragenen Sinn: Es geht zu Goldman Sachs. Die Bank ist eine gewaltige, hochentwickelte Maschine, die den nützlichen und weit verteilten Reichtum der Gesellschaft in die am wenigsten nützliche, die am meisten vergeudete und unfruchtbarste Substanz auf Erden zu verwandeln – in reinen Profit für reiche Individuen.

Dies wird erreicht, indem dasselbe Drehbuch immer und immer wieder zum Einsatz kommt. Die Formel ist recht simpel: Goldman positioniert sich selbst in der Mitte einer Spekulations-Blase und verkauft Anlagen, von denen die Goldman-Banker wissen, daß sie letztlich nichts wert sind. Dann werden mit Hilfe eines unfähigen und korrupten Staates, der es zuläßt, daß die Regeln als Gegenleistung für das vergleichsweise kleine Geld, das die Bank für die Unterstützung durch die Politik zahlt, umgeschrieben werden, große Summen aus den mittleren und unteren Bereichen der Gesellschaft angesaugt. Wenn das Kartenhaus schließlich zusammenbricht und Millionen normaler Bürger pleite und ruiniert übrig bleiben, beginnen diese Leute den gesamte Prozeß von vorne, indem sie uns unser eigenes Geld erneut und gegen Zinsen leihen und sich selbst dabei als über Gier erhabene kluge Männer mit echtem Durchblick verkaufen, die einfach nur dafür sorgen, daß der Laden läuft. Diesen Trick haben sie seit den 1920er Jahren wieder und wieder abgezogen – und gegenwärtig sind sie dabei, es erneut zu tun, wobei sie möglicherweise die bisher größte und unverschämteste Blase kreieren.

Wenn Sie verstehen möchten, wie wir in die gegenwärtige Finanzkrise geraten sind, müssen Sie zuerst verstehen, wohin das ganze Geld gegangen ist – und um das zu verstehen, müssen Sie verstehen, womit Goldman Sachs bisher ungeschoren davongekommmen ist. Die Geschichte ist genau fünf Blasen lang – eingeschlossen der merkwürdige und anscheinend unerklärliche Höhenflug des Ölpreises im letzten Jahr. Bei jeder dieser Blasen und den darauf folgenden Rettungsaktionen gab es eine Menge Verlierer. Aber Goldman war keiner davon.

Wenn man sagt, daß sich Amerika gerade im Abfluß dreht, dann hat Goldman Sachs einen Weg gefunden, dieser Abfluß zu sein.

Blase Nummmer 1: Die große Depression

Goldman war nicht immer das Ungeheuer von der Wall Street, zu groß, um kaputtzugehen, das unbarmherzige Antlitz eines überdrehten Kapitalismus nach dem Motto: „Töte oder werde getötet!“ – nur beinahe immer. Die Bank wurde 1869 von einem deutschen Einwanderer namens Marcus Goldman gegründet, der das Geschäft zusammen mit seinem Schwiegersohn Samuel Sachs aufbaute. Sie waren Pioniere im Gebrauch von kommerziellen Papieren, was eine hübsche Umschreibung dafür ist, daß sie Geld verdienten, indem sie Schuldscheine mit kurzer Laufzeit an kleine Geschäftsleute in Downtown Manhattan verkauften.

Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, wie der grundlegende Handlungsfaden der Geschichte der ersten 100 Jahre von Goldman im Bankgeschäft aussah: Eine mutige, von Einwanderern geführte Bank setzt sich gegen alle Widrigkeiten erfolgreich durch, schafft es durch harte Arbeit allein bis ganz nach oben und verdient Unmengen Geld. In dieser alten Geschichte gibt es wohl nur eine Episode, die heute angesichts von Ereignissen in jüngerer Zeit eine gründlichere Untersuchung verdient: Goldmans katastrophaler Abstecher in den Spekulationswahn an der Wall Street vor dem Crash in den späten 1920er Jahren.

Dieses exemplarische Desaster der Finanzgeschichte hat ein paar Merkmale, die bekannt klingen. Damals war das gebräuchlichste Finanzinstrument, mit dem Anleger hereingelegt wurden der sogenannte „Investment Trust“. Ähnlich wie die modernen Investmentfonds nahmen die Trusts das Bargeld von großen und kleinen Investoren und investierten (zumindest theoretisch) in eine bunte Auswahl von an der Wall Street gehandelten Sicherheiten, wobei die Sicherheiten und die Beträge oft vor der Öffentlichkeit verborgen wurden. Auf diese Weise konnte jedermann $10 oder $100 in einen Trust investieren und sich wie die großen Spieler fühlen. Ganz wie in den 90er Jahren, als neue Instrumente wie Tagesgelder oder E-Trading haufenweise neue Einfaltspinsel anzogen, die sich wie die großen Spieler an der Börse vorkamen, lockten die Investment Trusts eine ganze Generation von Jedermännern in das Spekulations-Kasino.

Beeindruckende Kreativität

Einem Handlungsmuster folgend, das sich immer wieder wiederholen sollte, stieg Goldman erst spät ins Investmentgeschäft ein, dann aber mit vollem Einsatz und ohne Rücksicht auf Verluste. Der erste Versuch war die Handelsgesellschaft Goldman Sachs Trading Corporation. Die Bank stellte eine Million Anteilsscheine über $100 aus, kaufte alle diese Anteile mit eigenem Geld und verkaufte dann 90 Prozent der Anteile zu $104 das Stück an das gierige Publikum. Dann kaufte die Handelsgesellschaft unablässig Anteile an sich selbst und trieb so den Preis höher und höher. Irgendwann stieß sie einen Teil ihrer Anteile wieder ab und finanzierte einen neuen Trust, die Shenandoa Corporation. Sie gab eine weitere Million von Anteilen an diesem Trust aus – der dann wiederum einen weiteren Trust unter dem Namen Blue Ridge Corporation finanzierte. Auf diese Weise diente jeder Investment Trust als Fassade für eine endlose Investitionspyramide: Goldman versteckte sich hinter Goldman, die sich hinter Goldman versteckten. Von 7.250.000 anfänglichen Anteilen von Blue Ridge gehörten 6.250.000 in Wirklichkeit Shenandoah – die natürlich zu einem großen Teil Goldman Trading gehörte.

Das Ergebnis war (fragen Sie sich, ob Ihnen dies bekannt vorkommt) eine blumige Kette von geliehenem Geld, die höchst anfällig für Verluste irgendeines Gliedes dieser Kette war. Die grundlegende Idee ist nicht schwer nachzuvollziehen: Man nimmt einen Dollar und leiht sich dafür neun Dollar. Dann gibt man diese §10 als Sicherheit und leiht sich $90 dafür. Dann wiederum leiht man sich mit diesen $100 weitere $900. Das geht so lange wie man Gläubiger findet, die bereitwillig Geld verleihen. Wenn die letzte Investition in dieser Reihe keine ausreichenden Erträge mehr bringt, fehlt das Geld, die Investoren auszuzahlen und ein blutiges Schlachtfest beginnt.

In seinem Buch „The Great Crash, 1929“ präsentiert der berühmte Ökonom John Kenneth Galbraith in dem Kapitel „In Goldman We Trust“ (Wir vertrauen auf Goldman – in Anlehnung an das allen Dollars aufgedruckte Motto „In God We Trust“, A.d.Ü.) Blue Ridge und Shenandoah als klassische Beispiele für den Wahnsinn von auf Schulden basierenden Investitionen. Die Trusts, schrieb er, waren ein wesentlicher Grund für den historischen Zusammenbruch des Marktes. In heutigen Dollars ausgedrückt beliefen sich die Verluste der Banken auf rund 475 Milliarden Dollar.

„Es ist schwer, nicht von dem Einfallsreichtum beeindruckt zu sein, der untrennbar mit diesem gigantischen und gierigem Wahnsinn verbunden war,“ stellte Galbraith fest und klang dabei wie ein Keith Olberman* mit Krawattenschal: „Wenn es schon Wahnsinn geben muß, dann muß auch etwas über Wahnsinn im heroischen Maßstab gesagt werden.“

* Keith Olberman, Jahrgang 1959, amerikanischer Nachrichtensprecher und politischer Kommentator

Bubble Nr. 2 – Technologie-Aktien

Zeitsprung nach vorne – 65 Jahre später. Goldman hatte den Crash der für so viele Investoren, die die Firma betrogen hatte, den Ruin bedeutete, nicht nur überlebt, die Firma war unterdessen zum größten Versicherer der wohlhabendsten und mächtigsten Unternehmen des Landes geworden. Sidney Weinberg, der vom Rang eines Hausmeistergehilfen zum Firmenchef aufstieg, hat Goldman es zu verdanken, daß die Firma zum Pionier für Erstemissionen von Unternehmen (Börsengänge) wurde, einem der wesentlichsten und lukrativsten Mittel, mit dem Unternehmen sich Geld beschaffen. Während der 1970er und 1980er Jahre war Goldman vielleicht noch nicht der planetenfressende Todesstern von politischem Einfluß, der die Firma heute ist, aber sie war eine hochangesehene Firma, die den Ruf hatte, die besten Talente der Wall Street anzuziehen.

Ein hohes Ansehen genoß die Firma überraschenderweise auch für ihre solide Geschäftsmoral und einen geduldigen Ansatz bei Investitionen, der den schnellen Dollar mied. Goldmans Manager wurden geschult, das Mantra der Firma zu übernehmen: ‚long-term greedy‘ – ‚Gier mit Weitsicht‘. Ein früherer Banker von Goldman, der die Firma in den frühen 1990er Jahren verließ, erinnert sich, wie seine Vorgesetzten einen hochprofitablen Handel mit der Begründung unterließen, das Geschäft bringe auf lange Sicht Verluste. „Wir gaben Geld an Kundenunternehmen zurück, die schlechte Geschäfte mit uns gemacht hatten,“ sagt er. „Alle Geschäfte, die wir tätigten, waren legal und fair – aber ‚long-term greedy‘ besagte, daß wir Gewinne nicht auf Kosten der Kunden insgesamt machen wollten, wenn wir dadurch den Markt ruinierten.“

Smarter als Mozart

Aber dann geschah etwas. Es ist schwer zu sagen, was es genau war. Vielleicht war es der Umstand, daß Robert Rubin, Goldmans Mitvorsitzender in den 1990ern Bill Clinton ins Weiße Haus folgte, wo er den National Economic Council (nationalen Wirtschaftsrat) leitete und irgendwann Finanzminister wurde. Während sich die amerikanischen Medien in die Geschichte von dem Paar von zwei Babyboomern, 60er Jahre Kindern, und Fleetwood Mac Yuppies verliebten, die sich ihr Nest im Weißen Haus einrichteten, pflegten sie gleichzeitig auch eine unverhüllte Begeisterung für Rubin, der als die smarteste Person gepriesen wurde, die je auf dem Antlitz der Erde wandelte und dabei Newton, Einstein, Mozart und Kant weit hinter sich ließ.

Rubin war der Prototyp des Goldman Bankiers. Er wurde wahrscheinlich in einem 4000-Dollar-Anzug geboren, er hatte ein Gesicht, daß nur einen Moment vor der Entschuldigung eingefroren war, so unendlich viel schlauer als Sie zu sein, und er strahlte eine Spock-ähnliche Aura emotionaler Neutralität aus. Die einzige menschliche Regung, die man sich bei ihm vorstellen konnte, war der Albtraum, den er durchleben würde, wäre er gezwungen, Economy-Class zu fliegen. Es wurde nationales Dogma, daß alles was Rubin dachte, das Beste für die Wirtschaft wäre – ein Phänomen, das seinen Höhepunkt 1999 erreichte, als Rubin zusammen mit seinem stellvertretenden Finanzminister Larry Summers und dem Chef der Federal Reserve Bank Alan Greenspan auf der Titelseite des Time Magazine unter der Schlagzeile erschien: DAS KOMITTEE ZUR RETTUNG DER WELT

Was Rubin vor allem „dachte“, war, daß die amerikanische Wirtschaft und insbesondere die Finanzmärkte überreglementiert wären und vom einengenden Regelwerk befreit werden müßten. Während seiner Amtszeit als Finanzminister setzte das Weiße Haus unter Clinton eine Reihe von Maßnahmen um, die drastische Konsequenzen für die Weltwirtschaft haben würden – beginnend mit Rubins vollständigem und totalem Versagen, seiner alten Firma Grenzen bei ihrer ersten verrückten Jag nach kurzfristigen Gewinnen in obszöner Höhe.

Der grundlegende Schwindel des Internet-Zeitalters ist selbst für den in Finanzdingen Ungebildeten ziemlich leicht zu begreifen. Unternehmen, die aus nicht viel mehr bestanden als aus von Gewohnheitskiffern nach ein paar Joints auf Papierservietten gekritzelten Ideen, wurden an die Börse gebracht, in den Medien gefeiert und hochgelobt und der Öffentlichkeit für Mega-Millionen verkauft. Es war als würden Banken wie Goldman Schleifen um Wassermelonen binden, sie aus dem Fenster im 50. Stock werfen und dann die Telefonleitungen für die Gebote öffnen. In diesem Spiel konnte man nur gewinnen, wenn man sein Geld herausnahm, ehe die Melone auf dem Straßenpflaster zerplatzte.

Jetzt erscheint es ganz offensichtlich, aber zum damaligen Zeitpunkt wußte der durchschnittliche Anleger nicht, daß die Banken die Regeln des Spiels geändert hatten und die Geschäfte viel besser aussehen ließen, als sie tatsächlich waren. Dies taten sie, indem sie ein Investment-System mit zwei Standards schufen: auf eder einen Seite die Insider, die die tatsächlichen Zahlen kannten, auf der anderen der unbewanderte Investor, der verlockt wurde, steigenden Preisen nachzujagen, von denen die Banken selbst wußten, daß sie irrational waren. Während Goldman später Gewinne daraus ziehen würde, das Regelwerk für Finanzgeschäfte zu ändern, war die grundlegende Innovation der Firma in den Jahren des Internet-Booms, die Standards der Qualitätskontrolle für die Produkte der Finanzindustrie abzuschaffen.

Neue Spielregeln

„Seit der Depression gab es strikte Sicherheits-Richtlinien, an die sich Wall Street hielt, wenn eine Firma an die Börse gebracht wurde,“ sagt ein prominenter Hedge Fond Manager. „Die Firma mußte seit wenigstens fünf Jahren im Geschäft sein, und sie mußte in drei aufeinanderfolgenden Jahren Gewinne abgeworfen haben. Aber Wall Street warf diese Richtlinien auf den Müll.“ Goldman vervollständigte die Täuschung, indem sie die Schwindel-Aktien hochjubelten: „Ihre Analysten gingen raus und sagten, Bullshit.com ist pro Aktie $100 wert.“

Das Problem war, daß niemand den Anlegern sagte, daß sich die Regeln geändert hatten. „Jeder Insider wußte davon,“ sagt der Manager. „Bob Rubin wußte todsicher, wie die Sicherheitsstandards aussahen. Sie galten seit den 1930er Jahren.“

Jay Ritter, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Florida, der sich auf Börsengänge spezialisiert hat, sagt, daß Banken wie Goldman genau wußten, daß viele der Börsengänge, die sie anpriesen, niemals auch nur zehn Cent verdienen würden. „In den frühen 1980er Jahren bestanden die führenden Unternehmen, die Börsengänge organisierten, auf drei Jahre in denen Gewinne erwirtschaftet wurden. Dann war es nur noch ein Jahr, dann war es ein viertel Jahr. In der Zeit der Internet-Blase forderten sie noch nicht einmal mehr Gewinne in absehbarer Zukunft.“

Goldman hat geleugnet, daß es die Sicherheitsstandards während der Internet-Jahre geändert hat, aber die eigenen Statistiken der Firma strafen diese Behauptung Lügen. Genauso wie im Falle der Investment Trusts in den 1920er Jahren begann Goldman in den Internet-Jahren erst langsam und endete mit völlig verrücktem Handeln am Markt. Nachdem sie 1996 eine wenig bekannte Firma mit schwachen Finanzen namens Yahoo! an der Börse plaziert hatten, wurde Goldman, nachdem der Boom des Techno-Marktes endgültig begonnen hatte, zur ersten Adresse für Börsengänge in der Ära des Internet Booms. Von den 24 Unternehmen, die Goldman 1997 an die Börse brachte, machte ein Drittel zum Zeitpunkt des Börsengangs Verluste. 1999, als der Boom seinen Höhepunkt erreichte, plazierte die Firma 47 Unternehmen an der Börse, darunter totgeborene wie Webvan und e-Toys, Investitionsangebote, die in vieler Hinsicht die modernen Gegenstücke zu Blue Ridge und Shenandoah waren.

Im folgenden Jahr garantierte Goldman für 18 Firmen allein in den ersten vier Monaten. Davon machten 14 Unternehmen zu jenem Zeitpunkt Verluste. Als führendem Versicherer von Börsengängen von Internet-Aktien während des Booms erreichte Goldman wesentlich eindrucksvollere Gewinne als seine Mitbewerber: 1999 erreichte der durchschnittliche Bösengang eines Goldman-Protegés 281 Prozent seines ursprünglichen Preises, während der Durchschnitt an der Wall Strreet bei 181 Prozent lag.

“Laddering”

Wie gelangen Goldman solch außergewöhnliche Ergebnisse? Eine Antwort lautet, daß sie eine Praxis namens „laddering“ (wörtl. „leitern“, sinngemäß: hochmanipulieren) anwandten, von der man auch ganz unverblümt sagen könnte, daß sie darin bestand, die Anteilspreise neuer Börsenemissionen zu manipulieren. Und so funktionierte es: Nehmen wir an, Sie sind Goldman Sachs. Bullshit.com kommt zu Ihnen und bittet sie, die Firma an der Börse zu plazieren. Sie stimmen zu den üblichen Bedingungen zu: Sie legen den Preis für die Aktien fest, bestimmen, wieviele Aktien ausgegeben werden, und präsentieren den Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzenden der Firma auf einer Tournee, um Investoren für die Firma einzunehmen; dies alles geschieht natürlich gegen eine nicht unbedeutende Gebühr (typischerweise zwischen sechs und sieben Prozent des zustandekommenden Kapitals).

Dann versprechen Sie Ihren besten Kunden das Recht, große Teile des Börsengangs zum niedrigen Eingangspreis zu kaufen – sagen wir Bullshit.com Einstiegspreis an der Börse liegt bei $15. Als Gegenleistung für das Privileg verlangen Sie die Zusicherung, später weitere Anteile am offenen Markt zu kaufen. Diese anscheinend simple Forderung gibt Ihnen Insiderwissen über die Zukunft des Börsengangs, ein Wissen, das den Trotteln im Tages-Handel, die nur den von Ihnen ausgegebenen Prospekt studieren konnten, verborgen bleibt: Sie wissen von einigen Ihrer Kunden, die X Aktien in Höhe von $15 gekauft haben, daß sie auch Y zusätzliche Aktien zu $20 oder $25 kaufen werden, wodurch sie praktisch garantieren, daß der Aktienpreis auf $25 oder höher steigen wird. Auf diese Weise konnte Goldman den Aktienpreis der Börsenneulings künstlich hochdrücken, was natürlich im Interesse der Bank war – sechs Prozent Gebühr für einen Börsengang von 500 Millionen Dollar sind eine ernstzunehmende Menge Geld.

Goldman wurde wiederholt von Aktionären wegen „ladderings“ bei einer Reihe von Börsengängen verklagt, darunter auch bei Webvan und NetZero. Die betrügerischen Praktiken erregten auch die Aufmerksamkeit von Nicholas Maier, dem Manager des Konsortiums Cramer & Co, jenem Hedge Fonds, der zu jener Zeit von der mittlerweile berühmten schwatzhaften Fernsehfratze mit Zylinderhut Jim Cramer geleitet wurde, ebenfalls ein Gewächs aus dem Hause Goldman.

Maier erklärte gegenüber der SEC (Securities and Exchange Comission, die für Börsengeschäfte zuständige US-Behörde, A.d.Ü.), daß er in der Zeit zwischen 1996 und 1998, als er für Cramer arbeitete, mehrfach gezwungen wurde, „laddering“-Prakitiken bei Börsengängen mit Goldman anzuwenden.

„Nach dem, was ich erlebte, waren Goldman hierbei die schlimmsten,“ sagte Maier. „Sie pumpten die Blase mit aller Macht auf. Und es war genau dieses Handeln, das den Zusammenbruch des Marktes verursachte. Sie kreierten diese Aktien auf illegalem Fundament – nämlich komplett hochmanipuliert – und letztlich war es wirklich der kleine Mann, der hier einstieg und kaufte.“ Im Jahr 2005 stimmte Goldman zu, 40 Millionen Dollar für seine „laddering“-Praktiken zu zahlen – eine vergleichsweise geringe Strafe im Verhältnis zu den enormen Gewinnen, die hier erzielt wurden. (Goldman leugnete jede Form von Fehlverhalten in allen beigelegten Fällen und weigerte sich auf Fragen zu dieser Geschichte zu antworten.)


“Spinning”

Eine weitere Praxis, die Goldman während des Internet-Booms anwendete, war „spinning“, besser bekannt als Bestechung. Hierbei bot die Bank den Managern des Börsenneulings Anteile an der Firma zu besonders niedrigen Preisen als Gegenleistung für künftige Garantiegeschäfte an. Die Banken, die die Praxis des „spinning“ praktizierten, setzten in der Folge den Aktienpreis für den Börsengang zu niedrig an – und stellten damit sicher, daß die „heißen“ Anfangspreise, die man den Insidern gewährt hatte mit größerer Wahrscheinlichkeit zügig stiegen und die wenigen Auserwählten mit größeren Gewinnen in den ersten Tagen versorgten.

Anstatt daß Bullshit.com mit $20 pro Aktie eröffnete, trat die Bank nach diesem Verfahren an den Chefmanager heran und bot ihm eine Million Aktien an seinem eigenen Unternehmen für $18 als Gegenleistungfür künftige Geschäfte an. Tatsächlich wurden auf diese Weise alle Anteilseigner von Bullshit.com auf diese Weise bestohlen, indem Bargeld, daß dem Unternehmen zugute hätte kommen sollen auf das private Bankkonto des Chefmanagers umgeleitet wurde.

In einem Falle machte Goldman angeblich der Vorstandsvorsitzenden von e-bay Meg Whitman, die später Mitglied im Vorstand von Goldman wurde, ein solches viele Millionen Dollar schweres Spezialangebot, als Gegenleistung für künftige Geschäfte mit Online-Banking.

Einem Bericht des Kommitees für Finanzdienstleistungen des Repräsentantenhauses aus dem Jahre 2002 zufolge machte Goldman solche speziellen Aktienangebote an Manager von 21 Firmen, die die Bank an die Börse brachte, darunter Yahoo!-Mitgründer Jerry Yang und zwei der großen schillernden Schurken der Ära der Finanzskandale – Dennis Kozlowski von Tyco und Ken Lay von Enron. Goldman bezeichnete den Bericht aufgebracht als „unerhörte Verzerrung der Tatsachen“ – kurz bevor die Firma 110 Millionen Dollar zahlte, um eine von Kontrolleuren des Staates New York gestartete Untersuchung der „Spinning“-Praktiken und anderer Manipulationen beizulegen. „Das ‚Spinning‘ von heißen Aktien von Neu-Emissionen an der Börse war keine harmlose Vergünstigung für Unternehmensmanager,“ sagte der damalige Staatsanwalt Eliot Spitzer zu dern Vorfällen, „sondern wesentlicher Bestandteil eines betrügerischen Geschäftsgebarens, um zusätzliche Geschäftsabschlüsse im Bereich des Investment-Banking zu gewinnen.“

Diese Praktiken sorgten dafür, daß die Internetblase zu einem der größten Finanz-Desaster der Weltgeschichte wurde: Werte in Höhe von rund 5 Billionen Dollar wurden allein beim NASDAQ vernichtet. Das wirkliche Problem war allerdings nicht das Geld, das die Aktienbesitzer verloren hatten, sondern das Geld, das die Investmentbanker gewonnen hatten, die für ihre Manipulationen am Markt kräftige Bonuszahlungen erhalten hatten. Anstatt Wall Street eine Lektion zu erteilen, zeigten die Internet-Jahre den Bankern, daß es im Zeitalter von frei fließendem Kapital und Finanzunternehmen, an denen jedermann Anteile halten kann, unglaublich einfach ist, Spekulationsblasen zu schaffen, und daß die ausgeschütteten Boni umso größer ausfallen, je größer Gier und Irrationalität werden.

Goldman betrog Investoren auf dem Immobiliensektor, indem die Bank gegen ihre eigenen wertlosen Hypotheken wettete

Nirgendwo entsprach dieser Satz so sehr den Tatsachen wie bei Goldman. Zwischen 1999 und 2002 zahlt das Unternehmen 28,5 Milliarden an Gehältern und Gewinnen – ein Durchschnitt von rund 350.000 Dollar pro Jahr und Mitarbeiter. Diese Zahlen sind bedeutsam, weil das Kernvermächtnis des Internet-Booms darin besteht, daß die Wirtschaft heutzutage zum großen Teil von der Notwendigkeit angetrieben wird, die enormen Gehälter und Bonuszahlungen zu beschaffen, die durch solche Spekulationsblasen ermöglicht werden. Goldmans Mantra von der Gier mit Weitsicht löste sich in Nichts auf, als das Spiel sich nur noch darum drehte, den eigenen Anteil ausgezahlt zu bekommen, ehe die Melone auf dem Straßenpflaster zerplatzte.

Der Markt war nicht länger ein von Vernunft bestimmter Ort, um reale Unternehmen mit gewinnträchtigen Geschäften wachsen zu lassen, sondern ein gewaltiger Ozean fremden Geldes, aus dem Bankiers mit allen erfolgversprechenden Methoden enorme Summen entnahmen, die sie dann so schnell wie möglich in Boni und Auszahlungen umzuwandeln versuchten. Wenn Sie dabei durch künstliches Hochmanipulieren der Aktien und Bestechung 50 Börsengänge von Internet-Unternehmen innerhalb eines Jahres in Pleiten verwandeln – was macht das schon? Bis die Börsenaufsicht sich dazu entschließen kann, 110 Millionen Dollar Strafe gegen Ihre Firma zu verhängen, ist die Jacht, die Sie sich von den Bonuszahlungen für den Börsengang gekauft haben, schon sechs Jahre alt. Außerdem sind sie zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon gar nicht mehr bei Goldman, sondern leiten das US-Finanzministerium oder regieren den Staat New Jersey. (Einer der wirklich ulkigen Momente in der Geschichte von Amerikas jüngsten Finanz-Debakel war, als der Gouverneur von New Jersey Jon Corzine, der Goldman von 1994 bis 1999 leitete und die Firma mit einem durch Börsengänge fett gewordenen Aktienguthaben in Höhe von 320 Millionen Dollar verließ, im Jahr 2002 standhaft behauptete, daß „ich niemals den Ausdruck „laddering“/Hochmanipulieren auch nur gehört habe.)

Strafen in Höhe von 110 Millionen Dollar, ein halbes Jahrzehnt nach dem Anlaß verhängt, sind für eine Bank, die jährlich sieben Milliarden Dollar an Gehältern auszahlt, keine Abschreckung sondern vielmehr ein Witz. Als die Internetblase platzte, gab es für Goldman keinen Anlaß, seine neue profitorientierte Strategie zu überprüfen. Statt dessen hielt die Firma lediglich Ausschau nach einer neuen Blase, die man aufpumpen könnte. Wie sich zeigen wird, stand schon eine solche bereit – was zu großem Teil Rubin zu verdanken war.

Blase #3 – der Immobilienwahn

Es ist nicht schwer, Goldmans Anteil an jener kompletten Katastrophe, die die Spekulationsblase auf dem Immobiliensektor darstellt, herauszufinden. Auch hier bestand der grundlegende Kniff darin, bestimmte Standards zu garantieren. Zwar handelte es sich in diesem Fall nicht um die Anforderungen an Unternehmen, die den Börsengang wagten, sondern um Hypotheken. Mittlerweile weiß beinahe jeder, daß Hypothekenhändler über Jahrzehnte hinweg darauf bestanden, daß Hauskäufer imstande waren, 10 Prozent des Kaufpreises als Anzahlung zu leisten, ein regelmäßiges Einkommen und eine gute Kreditwürdigkeit vorzuweisen hatten, und auch einen wirklichen Vor- und Familiennamen besaßen. Aber dann, mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends galt all dies nicht mehr, und man begann Kellnerinnen oder ehemaligen Betrügern mit 5 Dollar und einem Schokoriegel in der Tasche Hypothekenbriefe auszustellen, die auf Papierservietten notiert wurden. Eigentlich kann man solche Hypotheken nicht ausstellen – es sei denn, man kann sie an jemanden verkaufen, der keine Ahnung hat, um was es sich handelt.

Goldman verwendete zwei Methoden, um zu verbergen, welchen Dreck sie verkauften. Zum einen bündelten sie Hunderte von verschieden Hypotheken zu Instrumenten, die sie

„Collateralized Debt Obligations“ (CDO‘S) nannten. Dann erzählte man den Investoren, daß es keinen Grund gab, sich um die fragwürdigen Hypotheken Sorgen zu machen, weil das Hypothekenbündel insgesamt sein Geld wert sei: CDOs waren eine gesunde Geldanlage. Auf diese Weise wurden Hypotheken, die eigentlich Schrott waren, in erstklassig (AAA oder triple A) bewertete Geldanlagen umgewandelt. Um die eigenen Wetten abzusichern, gewann Goldman außerdem Firmen wie AIG dazu, die CDO zu versichern. Diese Versicherungen sind als Credit Default Swaps (Kredit-Ausfallversicherungen) bekannt, aber im Grunde war es eine Wette zwischen AIG und Goldman: Goldman wettet darauf, daß Kellnerinnen und Ex-Betrüger mit ihren Hypothekenzahlungen in Verzug geraten, und AIG wettet dagegen.

Es gab nur ein Problem bei diesen Geschäften: Alles Mauscheln und alle windigen Verabredungen stellten genau die Art von gefährlichen Geschäftspraktiken dar, die durch die Aufsicht durch die Bundesbehörden unterbunden werden sollte. Finanzinstrumente wie CDO und Default Swaps/Ausfallversicherungen hatten bereits für eine Reihe von ernsten finanziellen Problemen gesorgt: Procter & Gamble und Gibson Greetings hatten jeweils ein Vermögen verloren, und Orange County in Kalifornien war 1994 gezwungen, seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären. In einer Untersuchung empfahl die Rechnungsstelle der Regierung in jenem Jahr, daß derartige Finanzinstrumente streng reguliert werden sollten.

1998 stimmte Brooksley Born, die Leiterin der Commodity Futures Trading Commission (CFTC – Amerikanische Aufsichtsbehörde, die den Handel mit Rohstoffen an den Terminbörsen in den USA überwacht) zu. Im Mai 1998 regte sie in einem Brief an führende Geschäftsleute und die Regierung Clinton an, daß Banken zusätzliche Angaben über ihren Handel mit Finanzderivaten machen und Finanzreserven bereithalten sollten, um Verluste auffangen zu können.

Doch strengere Kontrollen war nicht wirklich das, was Goldman sich vorstellte. „Die Banken drehen durch – sie wollen, daß das aufhört,“ sagt Michael Greenberger, der unter Born als Leiter der Abteilung für Handel und Märkte bei der CFTC arbeitete und jetzt Rechtsprofessor an der Universität von Maryland ist. „Greenspan, Summers, Rubin und [Börsenchef Arthur] Levitt wollen, daß das aufhört.“

“Modernisierungsgesetz”

Das in Wirtschaftsdingen amtierende Führungsquartett unter Clinton – Greenberger zufolge „insbesondere Rubin“ luden Born zu einem Treffen ein und machten ihre Vorstellungen deutlich. Born weigerte sich, zurückzustecken und setzte sich weiterhin für strengere Kontrollen für Finanzderivate ein. Da ging Rubin im Juni 1998 an die Öffentlichkeit, und kritisierte und verurteilte ihre Bemühungen und forderte schließlich den Kongreß auf, der CFTC die Zuständigkeit als Regulierungsbehörde zu nehmen. In seiner letzten Sitzung im Jahr 2000 verabschiedete der Kongreß den mittlerweile berüchtigten Commodity Futures Modernization Act (Gesetz über die Modernisierung von Warentermin-Geschäften), der in letzter Minute zu einer 11.000 Seiten starken Gesetzesvorlage über Staatsausgaben hinzugefügt wurde, ohne daß eine nennenswerte Diskussion im Senat stattgefunden hätte. Von jetzt an konnten die Banken straflos mit Default Swaps handeln.

Aber hier hört die Geschichte nicht auf. AIG, die den Markt in großem Maßstab mit Default Swaps versorgte, trat 2000 an das New York State Insurance Department, die in New York zuständige Behörde für die Aufsicht über alle Arten von Versicherungsgeschäften heran, um herauszufinden, ob die Default Swaps als Versicherungsgeschäfte zu behandeln und der entsprechenden Reglementierung unterworfen wären. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Behörde von einem gewissen Neil Levin einem früheren Vizepräsidenten von Goldman geleitet. Levin entschied gegen eine Regulierung der Swaps.

Mit der neuen Freiheit, nach Belieben hypothekengesicherte Wertpapiere ausstellen und sich mit Default Swaps in ebenso beliebiger Höhe abzusichern, gab es für Goldman kein Halten mehr. Auf der Höhe des Immobilien-Booms stellte Goldman hypothekengesicherte Wertpapiere in Höhe von 76,5 Milliarden Dollar aus – ein Drittel davon war als zweitklassige Sicherheiten bewertet – und vermittelte sie zu einem großen Teil an institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungsunternehmen. Aber unter all diesen mit Immobilien abgesicherten Anlagen gab es jede Menge faule Eier.

Nehmen wir eine 494 Millionen Dollar schwere Anlage aus jenem Jahr, den GSAMP Trust 2006-S3. Viele der Hypotheken gehörten Schuldnern, die bereits die zweite Hypothek aufgenommen hatten. Die durchschnittliche Eigenbeteiligung an ihrem Grundeigentum lag bei 0.71 Prozent. Darüber hinaus gab es bei 58 Prozent der Anleihen nur wenig oder gar keine Unterlagen – weder Namen noch Anschrift der Schuldner, lediglich Postleitzahlen. Dennoch bewerteten die beiden führenden Bewertungsagenturen Moody‘s und Standard & Poor‘s 93 Prozent dieser Anlage als für Anleger geeignet. Moody‘s schätzte, daß weniger als 10 Prozent der Kredite platzen würden. Tatsächlich kam es innerhalb von 18 Monaten bei 18 Prozent der Hypotheken zu Zahlungsverzug.

Aber natürlich übernahm Goldman selbst keinerlei Risiko. Die Bank konnte all diese heimtückischen und vollkommen unverantwortlichen Hypotheken halbkriminellen Firmen wie Countrywide* abnehmen und sie an Kommunen und Pensionäre – an alte Menschen, um Himmels willen! – weiterverkaufen und dabei so tun, als handelte es sich nicht um viertklassigen Pferdemist. Aber während Goldman hiermit beschäftigt war, spekulierte die Firma gleichzeitig auf fallende Kurse und wettete damit praktisch gegen das wertlose Zeug, das sie selbst verkaufte. Noch schlimmer, Goldman brüstete sich auch noch öffentlich mit diesem Vorgehen. „Die Lage am Hypothekenmarkt ist weiterhin schwierig,“ prahlte 2007 David Viniar, Finanzchef der Firma. „Daher haben wir unsere langfristigen Investitionen einschneidend herabgestuft … Wir wollten uns an diesem Markt von vorneherein nur kurzfristig Risiken aussetzen und unsere Einschätzung war, daß kurzfristige Investitionen profitabel sein würden.“ Mit anderen Worten, der Verkauf der Hypotheken war nur ein Nebengeschäft, das eigentliche Geld wurde verdient, indem man gegen dieselben Hypotheken wettete, die man verkaufte.

*die Countrywide Financial Corporation war bis zur Übernahme durch die Bank of America am 1. Juli 2008 die größte Hypothekenbank in den Vereinigten Staaten. Auf Grund der Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten wurde Countrywide Financial am 1. Juli 2008 per Aktientausch an das US-amerikanische Unternehmen Bank of America verkauft. Das Unternehmen wurde 2009 in America Home Loans umbenannt.

Anlagebetrug

„So unverschämt sind diese Arschlöcher,“ sagt ein Hedge Fond Manager. „Bei anderen Banken kann man wenigstens noch sagen, daß sie einfach blöd waren – sie glaubten an das, was sie verkauften und dabei gingen sie pleite. Bei Goldman wußte man, was man tat.“ Ich fragte den Manager, wie die Tasache, daß jemand etwas an seine Kunden verkauft, gegen das er gleichzeitig spekuliert – insbesondere wenn er dabei mehr über die Schwächen des betreffenden Produktes weiß als seine Kunden – etwas anderes sein könne als Anlagebetrug.

Er sagte: „Es ist Anlagebetrug. Es ist der Inbegriff von Anlagebetrug.“

Irgendwann kamen viele geschädigte Anleger zu demselben Schluß. In einer Wiederholung der Spekulationsblase um die Börsengänge von Internetfirmen wurde Goldman nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes mit einer Welle von Klagen überzogen. In vielen Fällen wurde die Bank beschuldigt, wesentliche Informationen über die Qualität der von ihr ausgegebenen Hypotheken zurückgehalten zu haben. Die zuständigen Behörden in New Jersey haben Prozesse gegen Goldman und 25 andere Aussteller von Wertpapieren wegen des Verkaufs von wertlosen Hypothekenbündeln von Countrywide an Kommunen und Pensionsfonds angestrengt, die mit ihren Investitionen rund 100 Millionen Dollar verloren haben.

Der Staat Massachusetts ermittelte ebenfalls wegen ähnlichen Fehlverhaltens gegen Goldman, wobei er die Interessen von 174 Hypotheken Inhabern vertrat, die auf Wucher-Hypotheken sitzengeblieben waren. Aber wieder einmal kam Goldman praktisch ungeschoren davon, indem sie Strafverfolgung durch die Zahlung von 60 Millionen Euro – ein Trinkgeld, dessen Höhe ungefähr dem entspricht, was die CDO ABteilung der Bank während des Immobilien-Booms in eineinhalb Tagen verdiente.

Steigende Gehälter

Die Auswirkungen des Platzens der Immobilien-Blase sind allgemein bekannt: es führte mehr oder weniger unmittelbar zum Zusammenbruch von Bear Stearns, Lehman Brothers und AIG, deren verseuchte Portfolios von Credit Swaps zu einem wesentlichen Teil aus Kredit-Ausfallversicherungen bestand, die Banken wie Goldman zur Absicherung ihrer eigenen Immobilien Portfolios gekauft hatten. Tatsächlich gingen wenigstens 13 Milliarden Dollar der Steuergelder, die an AIG zur Rettung des Unternehmens gezahlt wurden, letztlich an Goldman, was bedeutet, daß die Bank gleich doppelt an der Immobilienblase verdient hat: Sie hatte die Investoren ausgenommen, die die wertlosen CDOs kauften, indem sie gegen ihr eigenes schäbiges Produkt wetteten, und dann drehten sie sich um und leerten dem Steuerzahler die Taschen, indem sie ihn all diese Wetten bezahlen ließen.

Und während die Welt ringsum einstürzte, stellte Goldman wieder einmal sicher, daß auch weiterhin prächtige Gehälter gezahlt werden konnten. Im Jahr 2006 stiegen die Gehälter, die die Firma an ihre Mitarbeiter zahlte, auf insgesamt 16,5 Milliarden – ein Durchschnitt von 622.000 Dollar pro Mitarbeiter. Ein Sprecher von Goldman erklärt dies so: „Wir arbeiten hier sehr hart.“

Aber das Beste sollte noch kommen. Während das Platzen der Immobilienblase den größten Teil der Finanzwelt in Richtung Ausgang jagte oder ins Gefängnis wandern ließ, verdoppelte Goldman kühn den Einsatz und schuf beinahe im Alleingang eine weitere Blase – eine von der die Welt immer noch kaum weiß, daß die Firma überhaupt mit ihr zu tun hat.

Blase #4 – Vier US-Dollar pro Gallone

Zu Anfang des Jahres 2008 befand sich die Finanzwelt in Aufruhr. Wall Street hatte die vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte damit zugebracht, einen Skandal nach dem anderen zu produzieren, was dazu führte, daß es nicht mehr viel Unverdächtiges zu verkaufen gab. Ausdrücke wie Junk Bond, Börsengang/Erstemission von Aktien, Subprime (zweitklassige) Hypothek und andere einst heißgehandelte Finanzinstrumente sind heute im öffentlichen Bewußtsein eng mit Betrug und Abzocke verbunden. Die Begriffe Credit Swaps und CDOs kamen gerade neu dazu. Die Kreditmärkte steckten in der Krise und das Mantra, das die Phantasie-Wirtschaft während der Bush-Jahre am Laufen gehalten hatte – die Überzeugung, daß Immobilienpreise niemals sinken – war jetzt ein vollständig zerstörter Mythos, und ließ Wallstreet jammernd zurück, auf der Suche nach nach einer neuen Bullshit-Maxime.

Wie sollte es weitergehen? Da das Publikum zögerte, Geld in irgendetwas zu stecken, das auch nur entfernt einer Investition in Wertpapiere ähnelte, wechselte Wall Street in aller Stille auf den Rohstoffmarkt, wo mit physisch greifbaren Produkten gehandelt wird: mit Mais, Kaffee, Kakao, Weizen und vor allem mit Rohstoffen zur Energieerzeugung, insbesondere Öl. Im Zusammenspiel mit dem Wertverlust des Dollars verursachten die Kreditknappheit und der Zusammenbruch des Immobilienmarktes eine „Flucht in die Rohstoffe“. Insbesondere schnellten die Preise für Termingeschäfte mit Rohöl in die Höhe: Der Preis pro Barrel stieg von rund 60 Dollar Mitte 2007 auf ein Hoch von 147 Dollar im Sommer 2008.

Während der Präsidentschafts-Wahlkampf in jenem Sommer in Fahrt kam, war die allgemein akzeptierte Erklärung für den Anstieg des Benzinpreises auf $4,11 pro Gallone, daß es ein Problem mit der weltweiten Ölversorgung gab. Republikaner und Demokraten lieferten ein klassisches Beispiel, wie sie auf Krisen mit dem engagierten Austausch von schwachsinnigen Bedeutungslosigkeiten reagieren: John McCain beharrte darauf, daß ein Ende des Moratoriums für Ölbohrungen vor den Küsten „kurzfristig sehr hilfreich“ sein würde, während Barack Obama auf typisch liberale Yuppie-Art argumentierte, die staatliche Förderung von Hybridfahrzeugen sei der Ausweg.

Goldman verwandelte einen schläfrigen Ölmarkt in eine riesige Wettstube – Höhenflug der Preise an den Tankstellen

Aber es war alles Lüge. Es ist zwar richtig, daß der weltweite Ölfluß irgendwann austrocknen wird, doch die aktuelle Versorgung mit dem Rohstoff war in Wirklichkeit im Steigen begriffen. In den sechs Monaten bevor die Preise explodierten, stieg das weltweite Angebot an Rohöl nach Angaben der U.S. Energie-Informationsbehörde (U.S. Energy Information Administration) von täglich 85,24 Millionen Barrel auf täglich 85,72 Millionen Barrel. Im selben Zeitraum fiel die weltweite Nachfrage nach Öl von 86,82 Millionen Barrel täglich auf 86,07 Barrel täglich. Also gab es nicht nur kurzfristig ein steigendes Angebot an Öl, gleichzeitig ging auch noch die Nachfrage zurück. Die hätte nach klassischem ökonomischem Verständnis zu niedrigeren Benzinpreisen führen müssen.

Also was verursachte den gewaltigen Preisanstieg? Raten Sie mal. Offensichtlich hatte Goldman Hilfe – es gab andere Mitspieler auf dem Rohstoffmarkt – aber im wesentlichen lag die Ursache im Verhalten von einigen mächtigen Akteuren, deren Absicht es war, den den einst stabilen Markt in ein Spekulations-Casino zu verwandeln. Goldman erreichte dies, indem die Firma Pensionsfonds und andere große institutionelle Investoren überzeugte, in Termingeschäfte mit Erdöl zu investieren – d.h. sich einverstanden zu erklären, zu einem festgelegten Zeitpunkt Öl zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Diese Entwicklung machte aus dem Rohstoff Öl, der strikt den Schwankungen von Angebot und Nachfrage unterworfen war, ein Spekulationsgut, auf das man wetten konnte. Zwischen 2003 und 2008 wuchs der Anteil von spekulativem Geld auf dem Rohstoffmarkt von 13 Milliarden Dollar auf 317 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 2300 Prozent. Im Jahr 2008 wurde ein Barrel Öl im Durchschnitt 27 Mal gehandelt, ehe es tatsächlich geliefert und verbraucht wurde.

Wie dies oft der Fall ist, gab es auch hier ein gültiges Gesetz aus den Zeiten der Depression, das speziell entworfen war, diese Dinge zu verhindern. Der Rohstoffmarkt war im wesentlichen geschaffen worden, um den Landwirten zu helfen: Ein Farmer, der sich Sorgen um künftigen Preisverfall machte, konnte einen Vertrag abschließen und seinen Mais zu einem bestimmten Preis zu einem späteren Lieferzeitpunkt verkaufen. So mußte er sich weniger Sorgen darum machen, große Lagerbestände seiner Ernterträge anzulegen. Falls niemand Mais kaufte, konnte der Farmer an einen Mittelsman, einen sogenannten „traditionellen Spekulanten“ verkaufen, der den Mais lagerte und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es wieder Nachfrage gab, verkaufte. Auf diese Weise gab es immer jemanden, der dem Farmer seinen Mais abkaufte, auch wenn es auf dem Markt vorübergehend keine Nachfrage dafür gab.

Begrenzung von Spekulation

Im Jahr 1936 erkannte der Kongreß an, daß auf diesem Markt mehr Spekulanten als echte Produzenten und Konsumenten geben durfte. Wenn das nämlich geschah, wüden die Preise von anderen Dingen als von Angebot und Nachfrage bestimmt werden und Preismanipulationen würden die Folge sein. Ein neues Gesetz ermächtigte die Commodity Futures Trading Commission – also genau jene Behörde, die später de Versuch unternahm, den Handel mit Credit Swaps zu regulieren und dabei scheiterte – dem spekulativen Handel mit Rohstoffen Grenzen zu setzen. Als Ergebnis der Aufsicht durch die CFTC herrschten auf dem Rohstoffmarkt über 50 Jahre lang Frieden und Harmonie.

All dies änderte sich im Jahr 1991 als vom Rest der Welt unbemerkt eine Tochtergesellschaft von Goldman namens J. Aron, die mit Rohstoffen handelte, an die CFTC schrieb und ein ungewöhnliches Anliegen vortrug. Farmer, die große Getreidevorräte bereithielten, so die Argumentation von Goldman, seien nicht die einzigen, die sich gegen das Risiko künftigen Preisverfalls absichern müßten – Händler von der Wall Street, die mit großem Einsatz auf die Entwicklung der Ölpreise spekulierten, müßten sich ebenfalls gegen Risiken absichern, weil, nun, weil sie ebenfalls viel zu verlieren hätten.

Dies war natürlich vollkommener Unsinn – das Gesetz von 1936 war speziell entworfen worden, um zwischen Leuten die tatsächliche, physisch vorhandene Waren kauften und verkauften, und Leuten die lediglich Geschäfte auf dem Papier machten, zu unterscheiden. Aber erstaunlicherweise folgte die CFTC der Argumentation von Goldman. Die Behörde stellte der Bank einen Freibrief mit dem Namen „Bona Fide Absicherungs“ – Ausnahme aus, mit dem der Goldman-Tochter erlaubt wurde, als Händler mit physisch vorhandenen Waren (und entsprechendem Bedarf für Absicherung) aufzutreten und so praktisch allen Einschränkungen zu entgehen, die Spekulanten auferlegt waren. In den folgenen Jahren sollte die Behörde in aller Stille 14 weitere Ausnahmeregelungenn für andere Unternehmen treffen.

Jetzt hatten Goldman und andere Banken freie Hand, weitere Investoren an den Markt für Rohstoffe zu bringen und damit den Spekulanten die Möglichkeit zu geben, Wetten über immer höhere Einsätzen einzugehen. Der Brief von Goldman aus dem Jahre 1991 führte mehr oder weniger direkt zur Öl-Blase des Jahres 2008, als die Zahl der Spekulanten am Markt – die die Angst vor dem fallenden Dollar und dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes dorthin getrieben hatte – schließlich größer war als die Zahl der tatsächlichen Lieferer und Konsumenten. 2008 entfielen einem Mitarbeiter des Kongreß zufolge, der die Zahlen untersuchte, wenigstens drei Viertel der Handelsaktivität an den Rohstoffbörsen auf spekulative Transaktionen – und dies ist wahrscheinlich eine eher konservative Schätzung. In der Mitte des vergangenen Sommers zahlten wir (in den USA) 4 Dollar pro Gallone, wann immer wir eine Tankstelle aufsuchten.

Heimliche Ausnahmegenehmigungen

Noch erstaunlicher ist der Umstand, daß der Brief an Goldman ebenso wie die Ausnahmebescheinigungen für weitere Händler mehr oder weniger heimlich verschickt wurden. „Ich leitete die Abteilung für Handel und Märkte, und Brooksley Born war die Vorsitzende der CFTC,“ sagt Greenberger, „und keiner von uns beiden wußte von diesem Brief“. Tatsächlich wurden die Briefe nur durch einen Zufall bekannt. Im letzten Jahr war ein Mitarbeiter der Komission für Energie und Handel des Repräsentantenhauses zufällig bei einer Besprechung zugegen, auf der Beamte der CFTC die Ausnahmegenehmigungen beiläufig erwähnten.

„Ich war zu einer Besprechung der Komission geladen, bei der es um Energiefragen ging,“ erinnert sich der Mitarbeiter. „Plötzlich, irgendwann mittendrin fangen sie an zu sagen ‚Ja, diese Briefe stellen wir jetzt schon seit Jahren aus.‘ Ich hebe meine Hand und sage: ‚Wirklich? Sie haben derartige Briefe ausgestellt?‘. Sie fangen an, herumzudrucksen und sagen schließlich: ‚Wir müssen das mit Goldman Sachs klären.‘‘ Ich frage natürlich nach: ‚Was meinen Sie damit, Sie müssen das mit Goldman Sachs klären?“

Die CFTC zitierte eine Bestimmung, die es ihr verbot, irgendwelche Informationen weiterzugeben, die etwas über die gegenwärtige Position eines Unternehmens am Markt aussagten. Aber die Nachfrage des Mitarbeiters betraf einen Brief, der 17 Jahre zuvor ausgestellt worden war. Er hatte nichts mehr mit Goldmans gegenwärtiger Position am Markt zu tun. Außerdem gibt Absatz 7 des Gesetzes von 1936 über den Handel mit Rohstoffen dem Kongreß das Recht auf jedwede Information, die er von der Komission einholen möchte. Dennoch lieferte die CFTC ein klassisches Beispiel dafür, wie weitgehend die Übernahme der Regierung durch Goldman ist, und wartete erst die Freigabe durch Goldman ab, ehe sie den Brief übergab.

Ausgerüstet mit der halb-geheimen Ausnahmegenehmigung durch die Regierung war Goldman zum Chef-Architekten einer riesigen Wettstube für Rohstoffgeschäfte geworden. Der Goldman Sachs Commodities Index, der die Preise für 24 wesentliche Rohstoffe auflistet und sich dabei wesentlich auf Öl konzentriert, entwickelte sich zu dem Ort, wo Pensionsfonds und Versicherungsunternehmen mit hohen Einsätzen langfristige Wetten auf Rohstoff Preise eingehen konnten. Das war schön und gut – abgesehen von ein paar Kleinigkeiten. Eine davon war der Umstand, daß Index-Spekulanten überwiegend langfristige Geschäfte abschließen und wenn überhaupt nur selten Short positions einnehmen, d.h. kurzfristige Wiederverkäufe in Betracht ziehen – was bedeutet, daß sie nur darauf setzen, daß die Preise steigen.

Solches Verhalten wirkt sich am Aktienmarkt positiv aus – am Rohstoffmarkt hat es schreckliche Folgen, weil es die Preise unablässig nach oben treibt. „Wenn die Spekulanten am Index sowohl Short Positions einnähmen als auch langfristige Investitionen tätigten, könnten wir beobachten, wie die Preise sich nicht nur nach oben sonern auch nach unten entwickelten,“ sagt Michael Masters, Manager eines Hedge Fonds, der dazu beitrug, die Rolle der Investment-Banken bei der Manipulation der Ölpreise offenzulegen. „Aber sie bewegen die Preise lediglich in eine Richtung: nach oben.“

Was die Angelegenheit noch weiter komplizierte, war der Umstand, daß Goldman selbst mit aller Macht Stimmung für einen Anstieg der Ölpreise machte. Arjun Murti, Analytiker für Goldman, der von der New York Times als „Öl-Orakel“ gepriesen wurde, sagte Ölpreise in extremer Höhe voraus und sprach von einem Anstieg des Preises auf 200 Dollar pro Barrel. Zu diesem Zeitpunkt hatte Goldman über seine Tochte J. Aron groß in das Ölgeschäft investiert. Außerdem gehörte der Bank auch eine größere Ölraffinerie in Kansas, wo sie das Rohöl lagerte, mit dem sie handelte. Obwohl das Angebot an Erdöl mit der Nachfrage Schritt hielt, warnte Murti unablässig vor Unterbrechungen in der weltweiten Ölversorgung.

Er ging dabei sogar soweit, allgemein bekanntzugeben, daß er selbst Eigentümer von zwei Hybridfahrzeugen war. Die Bank behauptete, letztlich habe sich der amerikanische Konsument die hohen Preise selbst zuzuschreiben. 2005 erklärten Goldman-Analytiker, daß der Ölpreis nicht fallen würde, solange „der amerikanische Konsument nicht damit aufhört, spritfressende Sport- und Freizeitvehikel zu kaufen und sich statt dessen nach energie-effizienten Alternativen umsieht.“

Handel mit fiktivem Öl

Aber es war gar nicht der Verbrauch von tatsächlich vorhandenem Öl, der die Preise in die Höhe trieb – es war der Handel mit Öl, das nur auf dem Papier existierte. Bis zum Sommer 2008 hatten Rohstoff-Spekulanten genügend noch zu förderndes Rohöl aufgekauft und gehortet, um 1,1 Milliarden Barrel damit zu füllen. Das bedeutete, daß die Spekulanten mehr Öl besaßen, das noch gar nicht gefördert war, als wirkliches, tatsächlich existentes Öl in allen kommerziellen Speichern der USA und der strategischen Erdölreserve zusammengenommen vorhanden war. Es war eine Wiederholung des Geschehens bei Internet- und Immobilien-Blase, als Wall Street die aktuellen Gewinne in die Höhe trieb, indem man ahnungslosen Kunden Anteile an einer fiktiven Phantasie-Zukunft von endlos steigenden Preisen verkaufte.

Nach dem mittlerweile schmerzhaft bekannten Muster schlug auch die Erdöl-Rohstoff-Melone im Sommer 2008 hart auf dem Straßenpflaster auf und verursachte einen massiven Verlust von Werten. Die Preise von Rohöl fielen von 147 Dollar auf 33 Dollar pro Barrel. Wieder einmal waren die kleinen Leute die großen Verlierer. Die Pensionäre, deren Fonds auf diesen Unrat gesetzt hatten, wurden massakriert. CalPERS (California Public Employees Retirement System), das Altersversorgungssystem der öffentlichen Angestellten hielt 1,1 Milliarden Dollar in Rohstoffen, als der Crash kam. Und der Schaden wurde nicht allein durch Erdöl verursacht. Von der Rohstoffblase in die Höhe getriebene Preise für Lebensmittel führten überall auf dem Planeten zu Katastrophen, bedeuteten Hunger für geschätzte 100 Millionen Menschen und lösten Hungeraufstände an vielen Orten in der Dritten Welt aus.

Gegenwärtig steigen die Ölpreise erneut: im Mai allein stiegen sie um 20 Prozent und haben sich in diesem Jahr bis jetzt insgesamt verdoppelt. Und wieder liegt das Problem nicht bei Angebot und Nachfrage. „Im Moment haben wir den höchsten Stand des Angebots an verfügbarem Öl in den letzten 20 Jahren,“ sagt das Mitglied des Repräsentantenhauses Bart Stupak, ein Demokrat aus Michigan, der Mitglied der Energiekomission des Repräsentantenhauses ist. „Die Nachfrage ist so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Trotzdem sind die Preise hoch.“

Gefragt, warum Politiker sich trotzdem weiterhin lang und breit über Dinge wie Ölbohrungen und Hybridfahrzeuge auslassen, wenn das Problem nichts mit Angebo und Nachfrage zu tun hat, schütelt Stupak mit dem Kopf. „Ich glaube, die verstehen das Problem nicht besonders gut. „Man kann es nicht in 30 Sekunden erklären, also ignorieren die Politiker es.“

Blase #5 – Die staatlichen Finanzspritzen zur Rettung des Finanzsystems auf den rechten Weg bringen

Nachdem die Ölblase im vergangenen Herbst platzte, gab es keine neue Blase, mit der man die Dinge am Laufen halten konnte – dieses Mal sah es ganz danach aus, als wäre das Geld wirklich futsch und eine weltweite Depression angesagt. Also bewegte sich die Finanzsafari weiter, und das aktuelle Spiel bei der großen Jagd nach Geld ist das einzige noch verbleibende Reservoir von ahnungslosem, unbewachten Kapital: das Geld des Steuerzahlers. Und hier, bei der größten staatlichen Rettungsaktion der Geschichte ist es auch, daß Goldman seine Muskeln so richtig spielen ließ.

Hilfe vom Finanzminister

Es begann im im September letzten Jahres, als der damalige Finanzminister Paulson auf die Schnelle eine Rehe von Entscheidungen traf. Obwohl er ein paar Monate zuvor bereits die Rettung von Bear Sterns organisiert und auch geholfen hatte, die quasi-privaten Kreditunternehmen Fannie Mae und Freddy Mac zu retten, entschied Paulson, das Unternehmen Lehman Brothers, einer von Goldmans letzten wirklichen Konkurrenten, ohne jedes Eingreifen zusammenbrechen zu lassen. („Der Superhelden-Status von Goldman wurde erhalten,“ sagt der Markt-Analytiker Eric Salzman, „und ein Konkurrent auf dem Sektor Investment-Banking, Lehman, ist ausgeschaltet“) Am Tag nach dieser Entscheidung gab Paulson grünes Licht für die 85 Milliarden schwere Rettungsaktion für AIG, die umgehend reagierte und 13 Milliarden Dollar Schulden an Goldman zurückzahlte. Dank des „Bailouts“ wurden der Bank ihre schlechen Einsätze in voller Höhe bezahlt. Zum Vergleich: Im Falle der Rettungsaktion für Chrysler können die pensionierten Arbeiter von Glück reden, wenn sie 50 Cent für jeden Dollar erhalten, den die Firma ihnen schuldet.

Unmittelbar nach der Rettungsaktion für AIG kündigte Paulson seinen General-„Bailout“ für die Finanzindustrie an, ein 700 Milliarden Dollar schweres Progamm, getauft Troubled Asset Relief Programm (TARP – Auffangprogramm für in Schwierigkeiten geratene Wertanlagen :-) , und beauftragte einen bis dahin unbekannten Banker namens Neel Kashkari aus dem Hause Goldman mit der Verteilung der Mittel. Um sich für die Gelder des Programms zu qualifizieren, kündigte Goldman an, sich von einer Investment Bank in eine Holdinggesellschaft für Banken umwandeln zu wollen, eine Maßnahme, die der Firma nicht nur Zugang zu Geldern aus TARP in Höhe von 10 Milliarden Dollar verschafft, sondern ihr eine ganze Galaxie von weniger auffälligen, mit öffentlichen Geldern finanzierten Hilfsfonds eröffnet- darunter insbesondere auch die Möglichkeit, sich Geld direkt von der Federal Reserve Bank zu leihen. Bis Ende März wird die Federal Reserve wenigstens 8,7 Billionen Dollar im Rahmen einer Serie von neuen Rettungsprogrammen entweder ausgeliehen oder Garantien für das Geld gegeben haben. Dank einer obskuren Rechtsvorschrift kann die Federal Reserve die meisten Anhörungen durch den Kongreß abblocken, so daß die Höhe der geflossenen Gelder ebenso wie die Namen der Empfänger fast vollkommmen geheim bleiben.

Sich in eine Holdinggesellschaft für Banken umzuwandeln hat noch weitere Vorteile: Der hauptsächlich zuständige Kontrolleur ist jetzt die New Yorker Federal Reserve Bank, deren Vorsitzender zum Zeitpunkt der Ankündung Stephen Friedman war, ein früherer Vorstand von Goldman Sachs. Technisch gesehen verletzte Friedman die übliche Politik der Federal Reserve Bank, indem er noch weiter im Vorstand von Goldman verblieb, als er die Bank eigentlich kontrollieren sollte. Um das Problem zu beheben, beantragte er eine Sondergenehmigung für seinen Interessenkonflikt bei der Regierung – und bekam ihn. Friedman hätte sich auch von seinen Goldman-Aktien trennen müssen, nachdem Goldman zu einer Bank-Holding geworden war. Aber die Ausnahmegenehmigung ermöglichte es ihm, zusätzlich 52.000 weitere Anteile an seiner alten Bank zu kaufen, was ihn um 3 Millionen Dollar reicher machte. Friedman trat im Mai zurück, aber der neue Mann, der jetzt für die Aufsicht über Goldman zuständig ist – ist wiederum ein weiterer früherer Mitarbeiter der Firma.

Die allgemeine Botschaft, die sich aus alledem – der Rettungsaktion für AIG, der schnellen Genehmigung für die Umwandlung in eine Bank-Holding, die Vergabe der Mittel aus dem TARP-Programm -ableiten läßt, ist, daß es keinerlei freien Markt gibt, sobald Goldman betroffen ist. Vielleicht läßt die Regierung andere Spieler am Markt untergehen, aber Goldman wird man unter keinen Umständen fallen lassen. Der Vorsprung der Firma am Markt ist plötzlich zu einer offenen Deklaration von absoluten Privilegien geworden. „In der Vergangenheit war es ein stillschweigend hingenommener Vorteil,“ sagt Simon Johnson, Professor für Ökonomie beim MIT und früherer Beamter beim Internationalen Währungsfonds, der die Rettungsaktionen der Regierung mit der Kumpanei unter Kapitalisten vergleicht, die er in Ländern der Dritten Welt beobachtete. „Jetzt ist es eher ein ausdrücklich beanspruchter Vorteil.“

Verdächtige Gewinne

Nachdem die Rettungsaktionen klargemacht worden waren, machte sich Goldman unverzüglich wieder an das tägliches Geschäft, sich unmöglich komplizierte Tricks auszudenken, mit denen der amerikanische Kadaver um weiteres Geld erleichtert werden konnte. Eine der ersten Maßnahmen in der Zeit nach den Bailouts war, den Kalender, nach dem die Firma ihre Gewinne veröffentlicht, stillschweigend nach vorne zu verschieben und auf diese Weise den Dezember 2008 – mit Verlusten in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar vor Steuern – im wesentlichen aus den Büchern verschwinden zu lassen. Zur selben Zeit verkündete die Bank einen höchst verdächtigen Gewinn in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar für das erste Quartal 2009 – der allem Anschein nach zu einem guten Teil aus Geldern bestand, die der Steuerzahler für die Rettungsaktion für AIG aufgbracht hatte. „Sie haben diese Ergebnisse für das erste Quartal gleich mehrfach kreativ bearbeitet,“ sagt ein Hedge Fonds-Manager. „Sie haben die Verluste im unbeachteten Monat Dezember versteckt und die Gelder aus dem Bailout als Gewinne verbucht.“

Zwei weitere Zahlen ragen in diesem beeidruckenden Ergebnis für das erste Quartal heraus. Die Bank zahlte in den drei ersten Monaten des Jahres erstaunliche 4,7 Milliarden an Boni und Gehältern aus, ein Mehr von 18 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2008. Außerden stockte sie ihr Kapital um 5 Milliarden auf, indem sie nahezu unmittelbar nach Bekanntgabe der Quartalsergebnisse neue Anteilsscheine ausgab. Wenn man alles zusammennimmt, zeigen die Zahlen, daß sich Goldman mitten in einer weltweiten Wirtschaftskrise im Grunde 5 Milliarden für die Gehälter an seine Manager geliehen hat, in einer Krise, die die Bank selbst mitverursacht hat, indem sie geschönte Rechnungen benutzte, um Investoren anzulocken – nur wenige Monate, nachdem dasselbe Unternehmen Milliarden an Steuergeldern im Zuge der staatlichen Rettungsaktionen erhalten hatte.

Noch erstaunlicher ist, daß Goldman all dies zuwege brachte, bevor die Regierung die Ergebnisse des neuen „Streß-Tests“ für Banken bekanntgab, die versuchten, die TARP-Mittel zurückzuzahlen. Die Regierung versuchte sorgfältig, die Rückzahlungen so zu organisieren, daß weitere Probleme für Banken, die Schwierigkeiten hatten, die Mittel zurückzuzahlen, vermieden wurden. Doch Goldman scherte sich nicht um solche Bedenken und stellte den Insider-Status der Firma unverhohlen zur Schau. „Sie schienen schon vor der Bekanntgabe des Streß-Tests genau zu wissen, was sie zu tun hatten – anders als alle anderen, die bis zur Bekanntgabe warten mußten,“ sagt Michael Hecht, leitender Manager bei JMP Securities. „Die Regierung ging hin und sagte: ‚Um TARP zurückzuzahlen, müßt Ihr Anleihen mit mindestens fünf Jahren Laufzeit ausgeben, die nicht bei der FDIC (Federal Deposit Insurance Corporation) versichert sind – was Goldman Sachs schon ein oder zwei Wochen zuvor getan hatte.“

Und jetzt kommt der eigentliche Knüller. Nachdem Goldman Sachs eine zentrale Rolle bei vier historischen Spekulationskatastrophen gespielt hatte, nachdem das Unternehmen dazu beigetragen hatte, daß sich fünf Milliarden Doller an Werten im NASDAQ in Luft auflösten, nachdem es Tausende von faulen Hypotheken an Rentner und Kommunen verscherbelt hatte, nachdem die Firma aktiv dazu beigetragen hatte, den Benzinpreis auf vier Dollar pro Gallone zu steigern, was für rund 100 Millionen Menschen weltweit Hunger bedeutete, nachdem sie sich mit Hilfe ihres früheren Vorstandschefs zig Milliarden Dollar aus Steuermitteln im Rahmen einer Reihe von Rettungsaktionen unter der AUfsicht ihres früheren Vorstandsvorsitzenden sicherte – was gab Goldman Sachs nach alledem dem Volk der Vereinigten Staaten im Jahr 2008 zurück?

Vierzehn Millionen Dollar.

Das ist der Betrag, den die Firma insgesamt an Steuern im Jahr 2008 zahlte. Das entspricht einem Steuersatz von einem Prozent. Ein Prozent! Im selben Jahr zahlte die Bank 10 Milliarden Dollar an Gehältern und Gewinnausschüttungen und machte einen Gewinn von mehr als zwei Milliarden Dollar. Dennoch zahlte die Firma ans US-Schatzamt weniger als ein Drittel von dem, was sie dem Vorstandsvorsitzen Lloyd Blankfein rüberschob, der im letzten Jahr 42,9 Millionen verdiente.

Wie ist das möglich? Goldmans jährlichem Bericht zufolge, sind die geringen Steuerzahlungen zu einem großen Teil auf Änderungen im „geographischen Mix der Gewinne“ der Bank zurückzuführen. Mit anderen Worten bewegte die Bank das Geld so, daß die meisten Gewinne in Ländern mit niedrigen Steuersätzen anfielen. Dank unseres völlig korrupten Steuersystems für Unternehmen können Firmen wie Goldman Sachs ihre Erträge ins Ausland transferieren und Steuerzahlungen für diese Erträge unendlich lange aufschieben, sogar dann, wenn sie Steuerabzüge für dieselben Erträge geltend machen. Aus diesem Grunde finden Unternehmen mit einem Buchhalter, der wenigstens ab und zu nüchtern ist, in aller Regel einen Weg, ihre Steuerzahlungen auf Null zu drücken. Ein Bericht des Government Accountability Office GAO stellte dementsprechend fest, daß zwischen 1998 und 2005 ungefähr zwei Drittel aller Konzerne und Gesellschaften, die in den USA tätig sind, überhaupt keine Steuern zahlen.

Dies sollte laute und erboste Proteste auslösen – aber als Goldman seine Steuererklärung nach den Rettungsaktionen veröffentlichte, sagte irgendwie kaum jemand ein Wort. Einer der wenigen, die einen Kommentar zu dieser Obszönität abgaben, war das Lloyd Doggett, Mitglied des Repräsentantenhauses und Demokrat aus Texas, der auch in dem Komitees des Repräsentantenhauses sitzt, welches sich mit Steuergesetzgebung und Fragen der Sozialversicherung beschgäftigt (House Ways and Means Committee). „Die rechte Hand bettelt um die Gelder aus den Rettungsaktionen,“ sagte er, „und die linke versteckt das Geld im Ausland.“

Blase # 6 – Die globale Erwärmung

Schnellvorlauf bis in die Gegenwart. Es ist Anfang Juni in Washington, D.C. Barack Obama, ein populärer junger Politiker, dessen führender Sponsor im Wahlkampfes eine Investment Bank namens Goldman Sachs war – die Angestellten der Firma gaben rund 981.000 Dollar für Obamas Wahlkampf – sitzt im Weißen Haus. Nachdem Goldman unbeschadet durch das politische Minenfeld der Zeit der Bailouts navigiert hatte, widmet sich das Unternehmen wieder seinen alten Geschäften und hält Ausschau nach Schlupflöchern und Gesetzeslücken in einem neuen Markt, den die Regierung geschaffen Hat, wobei ihr ein neues Team von ehemaligen Unternehmensangehörigen behilflich ist, die Schlüsselpositionen in der neuen Regierung besetzen.

Goldman sieht voraus, daß sich der Kampf gegen die globale Erwärmung zu einem „Kohlendioxyd-Markt“ mit einem Umfang von einer Billion Dollar entwickeln wird.

Hank Paulson und Neel Kashkari sind nicht mehr im Amt. An ihre Stelle sind der Stabschef des Finanzministeriums Mark Patterson und der Chef der CFTC Gary Gensler getreten, beides frühere Goldmännner. (Gensler war Co-Chef der Finanzabteilung der Bank). Und statt Finanzderivaten, Termingeschäften mit Öl oder hypothekengesicherten Wertpapieren ist das neue große Spiel, die nächste Blase, der Handel mit CO-Emissionen – ein boomender Billionen-Dollar-Markt, der bislang noch kaum existent ist, aber rasch entstehen wird, wenn die demokratische Partei, der Goldman im letzten Wahlkampf 4.452.585 Dollar zahlte, es schafft, eine bahnbrechende neue Spekulationsblase ins Leben zu rufen, verkleidet als ein „Plan für die Umwelt“, genannt „Cap and Trade“ (CO-Emissionen begrenzen und Handel damit treiben).

Dieser neue Kohlenstoff-Kreditmarkt ist praktisch eine Wiederholung des Rohstoff-Casinos, das so freundlich zu Goldman war, bis auf den Umstand, daß er darüberhinaus noch einen weiteren höchst erfreulichen Zug hat: Wenn der Plan wie geplant umgesetzt wird, wird der Preisanstieg regierungsamtlich verordnet werden. Goldman braucht das Spiel noch nicht einmal zu manipulieren. Es wird schon von vorneherein manipuliert sein.

Und so funktioniert das Ganze: Wenn das Gesetz verabschiedet wird, wird es Grenzwerte für die CO-Emissionen (auch als Treibhausgase bekannt) von Kohlekraftwerken und anderen Energieproduzenten, für Versorger mit Erdgas und eine Vielzahl von weiteren Industriezweigen geben, die festlegen, wieviel Emissionen das betreffende Unternehmen pro Jahr produzieren darf. Wenn die Unternehmen über diesen Anteil hinaus produzierenn, können sie weitere Kontingente von anderen Firmen hinzukaufen, die es geschafft haben, weniger als die erlaubten Emissionen zu verursachen. Präsident Obama schätzt konservativ, daß in den ersten sieben Jahren CO-Emissionen im Wert von 646 Milliarden gehandelt werden, einer seiner Top-Berater in Wirtschaftsdingen spekuliert, daß die tatsächliche Zahl möglicherweise das zwei- oder dreifache dieses Betrages sein wird.

Was diesen Plan für Spekulanten so besonders interessant macht, ist der Umstand, daß die erlaubte Menge von CO-Emissionen von der Regierung beständig nach unten gesenkt werden wird, was zur Folge haben wird, daß verfügbare Emissions-Kontingente von Jahr zu Jahr rarer werden. Das wiederum bedeutet, daß dies ein brandneuer Markt ist, auf dem die Preise für das Haupt-Handelsgut mit der Zeit garantiert steigen werden. Der Umfang dieses neuen Marktes wird jährlich bei einer Billion Dollar und mehr liegen. Zum Vergleich: Die jährlichen Erträge aus allen Sparten aller Stromversorger in den Vereinigten Staaten liegen bei 320 Milliarden Dollar.

Goldman will dieses Gesetz. Der Plan lautet: erstens von Anfang an bei dieser richtungsweisenden Gesetzgebung dabeizusein, zweitens sicherstellen, auf der gewinnbringenden Seite der neuen Entwicklung zu stehen und drittens dafür zu sorgen, daß die Gewinne üppig ausfallen. Goldman machte sich schon vor langer Zeit für Cap and Trade stark, aber als das Unternehmen im letzten Jahr 3,5 Millionen Dollar für Lobby-Arbeit in Klima-Fragen ausgab, erreichten die Dinge endgültig eine neue Qualität. (Einer, der damals als Lobbyist tätig war, ist niemand anders als Patterson, jetzt Stabschef im Finanzministerium). Im Jahre 2005, als Hank Paulson als Chef von Goldman amtierte, half er persönlich, die Umweltpolitik der Bank zu formulieren, ein Dokument, das für eine Firma, die sich in allen anderen Bereichen konsequent gegen regelnde Eingriffe von Seiten der Regierung einsetzt, einige erstaunliche Elemente enthält. In Paulsons Bericht heißt es, daß „freiwilliges Handeln allein das Klimaproblem nicht lösen kann.“ Ein paar Jahre später beharrte der Kohlenstoff-Chef der Bank darauf, daß Cap and Trade allein nicht ausreichen werde, dem Klimaproblem beizukommen und forderte weitere staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung. Das ist zweckdienlich, wenn man bedenkt, daß Goldman schon früh in Windkraft (die Bank kaufte eine Tochterfirma namens Horizon Wind Energy), erneuerbaren Diesel (Goldman investierte in eine Firma mit Namen Changing World Technologies) und Sonnenenergie (das Unternehmen ging eine Partnerschaft mit BP Solar ein) – genau die Art von Geschäftsabschlüssen, die sich lohnen werden, wenn die Regierung die Energieproduzenten zwingt, sauberere Energien zu nutzen. Wie Paulson damals formulierte: „Wir tätigen diese Investitionen ncht, um Geld zu verlieren.“

Die Bank hält einen Anteil von zehn Prozent an der Chicago Climate Exchange, wo die Emissions-Kontingente künftig gehandelt werden. Darüber eignet Goldman eine Minderheitsbeteiligung an Blue Source LLC, einer Firma mit Sitz in Utah, die Kohlenstoff-Kontingente von der Art verkauft, nach der es starke Nachfrage geben wird, wenn das Gesetz verabschiedet wird.

Nobelpreis-Träger Al Gore, der maßgeblich an der Planung des Cap and Trade Systems beteiligt ist, startete zusammen mit drei führenden Persönlichkeiten von Goldman Sachs Asset Magement (Goldman Sachs Vermögensverwaltung) David Blood, Mark Feruson und Peter Harris ein neues Unternehmen mit dem Namen Generation Investment Management. Das Geschäftsfeld? Investitionen in Kohlenstoff-Ausgleiche. Dann gibt es da auch einen 500 Millionen schweren Green Growth (grünes Wachstum) Fonds, der von einem Goldman-Mitarbeiter gegründet wurde um in grüne Technologien zu investieren … die Liste läßt sich beliebig verlängern. Goldman ist den Schlagzeilen wieder einmal voraus und wartet nur darauf, daß jemand es am richtigen Ort regnen läßt. Wird dieser Markt größer als der Rohstoff-Termin Markt?

„Oh, er wird ihn in den Schatten stellen,“ sagt ein früherer Mitarbeiter beim Energie-Ausschuß des Repräsentantenhauses.

Nun könnten Sie fragen, wen das schert. Wenn das Cap and Trade System funktioniert, werden wir dann nicht alle vor der Katastrophe der globalen Erwärmung gerettet? Vielleicht – aber Cap and Trade, so wie es von Goldman entworfen wurde, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Steuersystem, bei dem die Abgaben von privaten Unternehmen kassiert werden. Anstatt einfach eine feste Abgabe für Kohlenstoff-Emissionen zu erheben und umweltverschmutzende Energieproduzenten zu zwingen, für den Dreck, den sie verursachen, zu zahlen, ermöglicht es das Cap and Trade-System einer kleinen Gruppe von überaus gierigen Tierchen von der Wall Street, einen weiteren Markt in ein weiteres privates Abgabensystem zu verwandeln. Dies ist schlimmer als die Bailout-Aktionen: Hier wird es der Bank ermöglicht, sich des Geldes des Steuerzahlers zu bemächtigen, noch ehe es überhaupt kassiert ist.

„Wenn es eine Steuer sein soll, dann zöge ich es vor, Washington bestimmte die Höhe und kassierte das Geld,“ sagt Michael Masters, der Hedge Fond Manager, der sich gegen die Spekulation um die Termingeschäfte mit Erdöl aussprach. „Statt dessen beschließen wir, daß Wall Street die Höhe der Steuer bestimmt und daß Wall Street die Steuer kassiert. Das ist das Letzte auf der Welt, was ich möchte. Das ist einfach idiotisch!“

Cap and Trade wird Wirklichkeit werden. Und wenn nicht, wird es etwas ähnliches geben. Die Moral von der Geschichte ist dieselbe wie bei allen anderen Blasen von 1929 bis 2009, die Goldman schaffen half. In fast jedem Fall wurde die Bank, die sich über Jahre hinweg skrupellos verhielt, das System mit wertlosen Krediten und Wucherzinsen belastete und dabei nichts weiter erreichte, als massive Bonuszahlungen für einige wenige Bosse möglich zu machen, mit Bergen von praktisch frei verfügbarem Geld und Regierungs-Garantien belohnt – während die eigentlichen Opfer des unerfreulichen Spiels, die normalen Steuerzahler, für den Schaden aufkommen müssen.

Es ist nicht immer leicht zu akzeptieren, womit wir diese Leute davon kommen lassen; es gibt so eine Art kollektiver Leugnung, die aktiv wird, wenn ein Land das durchmacht, was Amerika in der letzten Zeit durchgemacht hat, wenn ein Volk soviel Ansehen und Status verliert, wie wir in den letzten paar Jahren verloren haben. Man kann die Tatsache, daß man nicht länger Bürger einer funktionierenden Demokratie der fortschrittlichen Welt ist und daß man nicht länger davor geschützt ist, am hellichten Tag ausgeraubt wird, nicht wirklich wahrnehmen, denn wie eine Person, der ein Glied amputiert wurde, fühlt man weiterhin Dinge, die Wahrheit nicht mehr vorhanden sind.

Aber so ist das. Dies ist die Welt, in der wir mittlerweile leben. Und in dieser Welt müssen die einen sich an die Regeln halten, während andere vom Direktor benachrichtigt werden, daß sie in alle Ewigkeit von den Hausaufgaben befreit sind und außerdem 10 Milliarden Dollar ohne Auflagen in einer Papiertüte erhalten, um sich ein Mittagessen zu kaufen. Es ist ein Gangster-Staat, der eine Gangster-Wirtschaft unterhält, und selbst den Preisen kann man nicht mehr trauen: Von jedem Dollar, den Sie irgendwo bezahlen, gehen versteckte Steuern ab. Vielleicht können wir das nicht ändern. Aber wir sollten wenigstens wissen, wohin die Reise geht.

Matt Taibbi, Jahrgang 1970, ist politischer Autor und Journalist, der unter anderem durch seine Berichterstattung über den Präsidentenwahlkampf 2004 bekannt wurde. Gegenwärtig arbeitet er bei der Zeitschrift „Rolling Stone“, wo er die Kolumne „Road Rage“ (Zorn der Straße) unterhält.

Quellennachweis des Originalartikels: The Great American Bubble Machine, Rolling Stone

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von Hergen Matussik, einem Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt (tlaxcala@tlaxcala.es, www.tlaxcala.es. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

via: Das meint der Meyer
(habe leider den Artikel auf
www.tlaxcala.es nicht gefunden).

3 Kommentare zu diesem Beitrag. to “Die große amerikanische Blasenmaschine”

  1. G.S. sagt:

    Hier noch ein interessanter Artikel zur Preismanipulation von “pennystocks” durch internationale Börsenbriefe:

    http://www.jcamberger.com/2010/07/wie-man-uber-nacht-40-rendite-macht/

  2. Vidable Invest sagt:

    Hat jemand von euch schon mal irgendwas von Vidable gehört? Es heisst Vidable ist eine Zusammenstellung aus Youtube, lokalen Kleinanzeigen sowohl Groupon. Weiss jemand eine Netzauftritt auf der ich mehr über Vidable durchlesen kann?

  3. dustintravis.webs.com sagt:

    Thanks for finally writing about > Lumperladen Blog Archiv Die große amerikanische Blasenmaschine < Loved it!

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